[talk] Das Virtuelle [in] der Bildung | SFB1567

Ruhr-Universität Bochum | 09./10. November 2023

Recht kurzfristig wurde ich eingeladen, im Rahmen des Workshops ›Virtuelles Erzählen‹ des Teilbereichs B ›Wissen‹ des SFB1567 ›Virtuelle Lebenswelten‹ an der Ruhr-Universität Bochum einen Vortrag zu halten. Hier finden Sie meinen – in seiner Form etwas angepassten – Vortrag über Virtualität [in] der Bildung.

Darin adressiere ich anhand zweier Problematisierungen zunächst eine vermeintlich ontologische Differenz von Virtualität und Wirklichkeit. In Anlehnung an Sybille Krämers überraschend simple und doch treffende Feststellung, dass »[w]enn ein Begriff zur Leerformel zu erstarren droht, […] ein wortgeschichtlicher Rückblick [lohnt]« (Krämer 2022, 10), unternehme ich anschließend den Versuch, dem potenziellen Verkommen der Virtualität zur Leerformel entgegenzutreten, indem ich etymologisch zurückblicke. Über jenen Rückblick gelange ich zur Annahme, dass es sich bei Virtualität um einen Möglichkeitsraum handeln könnte. Indem ›möglich‹ das ist, »was (noch nicht) wirklich geworden ist« (Mosayebi 2023: o. S.), schwindet jene vermeintliche ontologische Differenz zwischen Virtualität und Wirklichkeit (im Gegensatz zum Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktionalität), besteht letztere doch »nur aus realisierten Möglichkeiten und ist daher nichts grundsätzlich anderes als die momentan noch unrealisierten Möglichkeiten« (Welsch 2018: 200).
Und diese Annahme ist es, die die Grundlage meiner den Vortrag abschließenden Überlegungen zur Virtualität [in] der Bildung darstellt:

Mit Mollenhauer lässt sich ein »prinzipiell riskante[r] Vorgriff auf Künftiges« (Mollenhauer 1981, 68) als Konstitutivum eines jeden Bildungsprozesses und einer jeden pädagogischen Handlung ausmachen. Wenn Virtualität unter anderem als Möglichkeitsraum verstanden wird, der sich in der Gegenwart aufspannt, um das zu beschreiben, was noch nicht wirklich geworden ist, dann gelangt eine der Bildung und Erziehung innewohnende Virtualität an die Oberfläche, die sich grundlegend von einer Fiktionalitätunterscheidet, denn: Für die Zukunfts-Antizipationen in Erziehung und Bildung geht es nicht darum, ob das Dargestellte oder Imaginierte ›tatsächlich der Fall‹ wird – es geht nicht um das Prüfen eines ontologischen Status erzählter oder imaginierter Sachverhalte, also um »eine Unterscheidung im Insgesamt des Seienden« (Welsch 2018, 202). Vielmehr geht es darum zu erkennen, dass die Frage nach dem ›Wohin‹ und der Vorgriff auf ein mögliches Künftiges konstitutiv für jeden Erziehungs- und Bildungsprozess sind. Damit wohnt jeder gegenwärtigen ›[Erziehungs-]Wirklichkeit‹ immer schon etwas Virtuelles inne und vice versa.

Literatur
Krämer, Sybille. 2022. Kulturgeschichte der Digitalisierung. Aus Politik und Zeitgeschichte 72 (10–11): 10–17.
Mollenhauer, Klaus. 1981. Die Zeit in Erziehungs- und Bildungsprozessen. Annäherungen an eine bildungstheoretische Fragestellung. Die deutsche Schule 73: 68–78.
Mosayebi, Elli. 2023. Thesaurus ›Virtualität‹. online.
Welsch, Wolfgang. 2018. ›Wirklich‹. Bedeutungsvarianten – Modelle – Wirklichkeit und Virtualität“. In Medien – Computer – Realität: Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien, herausgegeben von Sybille Krämer, 5. Aufl., 169–212. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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